Verein zur Förderung der Kinder- und Jugendliteratur e.V.

Einfach mehr Luft

Einfach mehr Luft

Alexandra Holmes
Jungbrunnen
Leseempfehlung ab 13 Jahre
Ben ist Teil einer großen Familie, genauso weitreichend wie sein Stammbaum ist die familiäre Vergangenheit. Um seine Führerschein zu machen, sammelt er auf den Wegen zu seiner Urgroßmutter einige Kilometer an Übungsstrecke. Sie ist seit dem Tod seines Urgroßvaters die Repräsentantin der Familie und dient als lebendige Verbindung zur Vergangenheit. In maßvollen Dosen offenbart sie Ben Geschichten, in denen jedes Familienmitglied auftauchen kann und die die Auswirkungen der nationalsozialistischen Vergangenheit deutlich werden lassen. Als Ben an einem Abendessen anlässlich ihres 100. Geburtstags mit dem gegenwärtigen Teil der Familie konfrontiert wird, erkennt er, dass die Spuren der Vergangenheit immer noch da sind und ihr Einfluss überall zu spüren ist.
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Inmitten dieser familiären und geschichtsträchtigen Anspannung macht er sich auch noch Sorgen um sein Pferd, sodass es ihm manchmal an Luft zum Atmen fehlt. Er sehnt sich nach etwas mehr Freiraum in dieser Situation und fängt an, seine eigene Position in der Konstellation der Generationen zu finden. 

Der Jugendroman greift geschickt die Themen Familie, Generationen und weitergegebene Erinnerungen auf, während er den Bezug zur Gegenwart nicht vernachlässigt. Angesichts des Verlusts der Zeitzeugen des Nationalsozialismus ist es von großer Bedeutung, respektvoll und angemessen mit diesem Thema umzugehen. Es ist umso erfreulicher, dass dies in einem Jugendroman stattfindet. Die Urgroßmutter wählt bewusst ihre Worte sorgfältig aus und gibt den Erinnerungen Überschriften, ohne jemals aus der Ich-Perspektive zu erzählen. Ben, der sympathische Protagonist, besitzt ein feines Gespür für Vergangenheit und Gegenwart und zeigt, dass man nicht nur die Vergangenheit seiner Vorfahren ist, sondern viel mehr sein kann. Die Aufteilung der Kapitel nach den Gängen des Geburtstagsessens verstärkt die Spannung und erzeugt eine theaterähnliche Atmosphäre. Ein lesenswertes Buch, das sowohl die junge Generation als auch die ältere anspricht.

Raphaela Brosseron