• Der Geruch von Ruß und Rosen

    Der Geruch von Ruß und Rosen

    Julya Rabinowich

    Hanser

    Verlagsempfehlung ab 14 Jahre

    Man könnte annehmen, dass ein Roman, der die Geschichte von Flüchtlingen erzählt, mit ihrer Flucht beginnt und das "Happy End" darin besteht, sicher auf festem Boden anzukommen. Die jugendliche Madina erzählt in diesem Tagebuch jedoch von ihrer Zeit der anhaltenden Fremdheit, selbst nach über einem Jahr an einem Ort, der nun mal nicht ihre Heimat ist.
    Ihre Heimat ist untrennbar mit den Schrecken des Krieges verbunden, aber auch mit den Erinnerungen an die duftenden Rosen bei ihrer Oma. Diese kostbaren Erinnerungen kann ihr niemand nehmen, jedoch genauso wenig die traumatischen Erfahrungen des Krieges.
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    Mit ihrem Tagebuch versucht Madina, die Gedanken in ihrem Kopf zu ordnen. Sie stellt Fragen zur Schule, zu den täglichen Anfeindungen, zu den vielen Problemen, die ihre Familie auf sie abwälzt, und zu den noch ungelösten Geheimnissen.
    Obwohl Madina nicht mehr im Kriegsgebiet ist, hat sie Grenzen überschritten, die ihr ein normales Leben verwehren, besonders im Vergleich zu ihrer neuen Freundin Laura wird ihr das immer wieder bewusst. Dabei bleibt unklar, aus welchem Land Madina geflüchtet ist, es wird immer nur von "meinem Land" und "meiner Sprache" gesprochen. Das stört beim Lesen absolut nicht, vielmehr wird klar, dass es so wie Madina, schrecklich vielen Menschen geht. 
    Die Sprache ist wunderschön, bildlich und ein Kunstwerk an sich. Trotzdem lässt der Roman einen universellen Zugang zu, sodass sich niemand davor drücken kann, sich mit ihrem Schicksal auseinanderzusetzen. 
    Ein beeindruckender und zeitnaher Roman über Flucht und das Leben danach erzählt aus der Perspektive einer starken jungen Frau. Man kann diesen Teil der Geschichte gut lesen, ohne - wie ich - die anderen Teile über Madina zu kennen, trotzdem werde ich diese auf jeden Fall nun auch noch lesen. 
    
    Raphaela Brosseron
    
    Madina, die aus einem Land in dem Krieg herrschte geflohen ist, fühlt sich inzwischen in der geräumigen schönen Wohnung wohl. Sie hat mit Laura, der Tochter der Vermieterin eine gute Freundin gefunden, die sie sehr unterstützt. Madina empfindet nach den Strapazen der Flucht und der Ablehnung der Nachbarn, endlich sowas wie frei-sein. Ein Therapeutin und ihre frühere Klassenlehrerin machen ihr immer wieder Mut. 
    Doch dann ist der Krieg aus und ihre Tante möchte zurück in das Land, in dem Madinas Vater vermisst wird. Madina macht sich mit der Tante auf den Weg in das Land ihrer Vorfahren, indem ihnen Misstrauen und Ablehnung entgegengebracht wird.
    Der Leser erfährt nicht um welches Land es sich da handelt, aber es hat noch sehr altmodische Strukturen und auch damit tut sich die inzwischen Jeans tragende Madina schwer. Ein wenig erinnert mich das an meine Jugend in den 1960er Jahren. Auch da war der Mann noch „der Herr im Haus“ und hatte das Sagen. Aber viele Mütter hatten sich im Krieg emanzipiert und wollten nicht wieder gehorchen. Auch hier wurden die Gesetzte erst in den 1970er Jahren geändert. 
    Madina erinnert sich an die Gerüche, ich habe da auch oft Verbindungen, auch meine Erinnerungen werden häufig durch einen Geruch hervorgerufen.
    Madina muss ich entscheiden, bleibt sie hier oder geht sie in ihr altes Land zurück? Würde sie damit nicht auch ihre Freiheit aufgeben? 
    Die Erzählung resultiert aus Madinas Tagebuch, aber es gibt keine Daten, nur 3 Teile und 24 Kapitel. Madina erzählt uns diesen Teil ihres Lebens in wunderschönen Worten und poetischen Vergleichen. Mir gefiel es sehr gut diese schönen Sätze zu lesen.
    Ein Buch über Flucht, Ankommen, Fremdsein und Zurückblicken, dass vieles nur anreißt und doch wissen wir, worum es geht.
    
    Dagmar Mägdefrau
    
  • Weiße Tränen

    Weiße Tränen

    Kathrin Schrocke

    Mixtvision

    Verlagsempfehlung ab 13 Jahre

    „Wenn weiße Menschen mit Rassismus und ihrem Weißsein konfrontiert werden, fühlen sie sich oft ungerecht behandelt und lenken mit den eigenen Emotionen von den Betroffenen ab. Dieses Verhalten wird als White Tears beschrieben.“ 
    Auch ich empfinde es oft als schwierig, wenn ich merke, dass ich doch wieder einen rassistischen Gedanken habe oder ihn sogar ausspreche. Neben der Scham spüre ich dann auch, dass ich mich gerne rechtfertigen möchte, dass ich irgendwas finden möchte, dass von mir als Täterin ablenkt.
    Lenni und Serkan sind seit der Kita Freunde und die Familien waren damals Nachbarn. Lennis Eltern führen jetzt ein Beerdigungsunternehmen und leben deshalb jetzt in einem anderen, besseren Stadtteil als Serkans Familie. Beide Jungen sind viele Jahre in der Theater-AG und deren Leiter ist Lennis Lieblingslehrer.
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    Doch als der dunkelhäutige Benjamin auftaucht, stellt er gleich zu Recht die „Schule ohne Rassismus“ in Frage. Viele alltägliche Kleinigkeiten verdienen diese Bezeichnung nicht. 
    So muss sich Serkan als Osama ansprechen lassen und das Musical „King Kong“ ist auch nicht frei von rassistischen Elementen, die keiner wahrhaben möchte. Elifs Kopftuch bietet ebenfalls viel Stoff, zumal die Vorbehalte als Schutz für die Trägerin dargestellt werden. 
    Lenni tut sich sehr schwer, Stellung zu beziehen und braucht einige Zeit, bis er versteht, dass Herr Prasch nicht von allen Schülerinnen und Schülern so gemocht wird wie von ihm. Und dass das seine Gründe hat.
    An einigen Stellen des Buches war ich erstaunt, dass vieles anders aussieht, als es scheint und dass ich mir mal wieder an meine Nase fassen musste, weil ich auch in Stereotypen denke. 
    
    Ein wichtiges Buch, dass klar macht, mit welchen Problemen Deutsche mit internationaler Geschichte zu kämpfen haben und dass wir immer wieder versuchen müssen, diesen Rassismus zu erkennen und zu benennen. 
    
    Dagmar Mägdefrau

    Lenni kehrt an seinem ersten Tag nach den Ferien zum Kant-Gymnasium zurück und trifft auf seinen neuen und schwarzen Mitschüler Benjamin. Lenni fokussiert sich auf dessen Afro und spekuliert, ob Benjamin gut tanzen kann, und ob er vielleicht nur aus PR-Gründen da ist. Immerhin bemüht sich die Schule um ihren Ruf als eine "Schule ohne Rassismus". Doch Benjamin erkennt sofort, dass dieser Titel eine Täuschung ist und hat kein Problem damit, dies zu benennen. Sobald Benjamin das Thema anspricht, begegnet ihm eher Entrüstung statt Entschuldigung und eine Flut von "Weißen Tränen".
    Benjamin verschont niemanden, sei es der sonst beliebte Geschichtslehrer oder die Mitglieder der Theater AG. Interessanterweise erleben wir diese Entwicklung aus der Perspektive von Lenni. Obwohl sein bester Freund Serkan und Benjamin ihm Denkanstöße liefern, setzt auch bei ihm der Prozess des Verstehens nur langsam ein. Lenni muss nicht nur von anderen lernen, sondern sich auch selbst mit dem Thema Rassismus und seiner historischen Dimension auseinandersetzen. Die Perspektive ist gut gewählt, da so nicht nur die Betroffenen zum Handeln gebracht werden.
    
    Die Figuren, die zuvor in positivem Licht erscheinen, sind nicht frei von rassistischen Denkmustern. Dies unterstreicht, dass nicht nur offensichtliche Extremisten rassistische Tendenzen aufweisen, sondern auch die nette Nachbarin mit ihrer Abneigung gegen Kopftücher oder der engagierte Geschichtslehrer, der bei der Frage nach Deutschlands Kolonialgeschichte auf einmal doch kein offenes Unterrichtsgespräch mehr zulässt. 
    
    Die Geschichte zeigt geschickt Alltagsrassismus und seine Verankerung im System. Statt oberflächliche Lösungen für ein tiefgreifendes Problem zu liefern, werden Fragen aufgemacht, die zum Nachdenken einladen. Ein äußerst reflektiertes Buch, wie auch das gelungene Nachwort der Autorin zeigt.
    
    Raphaela Brosseron
  • The Stars we reach – Emerald Bay Teil 1

    The Stars we reach – Emerald Bay Teil 1

    Lorena Schäfer

    One

    Verlagsempfehlung ab 14 Jahre

    Im ersten Teil der Emerald-Bay-Triologie bringt uns die 19-Jährige Ivy an die atemberaubende australische Küste von Emerald Bay. Nach ihrer Trennung von ihrem Ex-Freund, wegen dem sie sich in Deutschland ein Jahr durch einen  BWL-Studiengang quälte, will sie endlich ihren Leben leben und möchte sich nie wieder von einem Mann aufhalten lassen - auch wenn ihr neuer Mitbewohner Taylor sich als attraktiver und sympathischer Surfer-Boy entpuppt. Obwohl die beiden sich auf Anhieb bestens verstehen, halten sie an ihrer Vereinbarung fest: Freundschaft ja, aber alles andere ist ausgeschlossen. Doch wie sollen sie ihre aufkeimenden Gefühle unterdrücken, wenn Taylor Ivy in ihren Träumen unterstützt und Ivy Taylor in einer schweren Zeit beisteht?
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    In der Beschreibung wird von einer From-Strangers-to-Lovers-Geschichte gesprochen, die der Entwicklung ihrer Beziehung nicht gerecht wird. Ihre Verbindung beginnt mit einer tiefen Freundschaft, was ihre Gefühle authentisch und glaubwürdig macht. Hier verliebt sich niemand über Nacht, alles entwickelt sich langsam. Erst kommen die Gefühle, dann die bedeutungsvollen Worte und schließlich die wohlüberlegten Entscheidungen - ein Ansatz, den ich äußerst gelungen finde. Die Geschichte dreht sich nicht nur um ihre Beziehung, nebenbei knüpft Ivy auch andere Freundschaften und entdeckt, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt und lebt ihre Liebe zum Kochen aus.
     All das spielt sich vor dem bezaubernden Hintergrund der sommerlichen Umgebung Australiens ab, die immenses Fernweh hervorruft.
    
    Dass Ivy tatsächlich „schon immer” nach Australien wollte, kaufe ich ihr nicht unbedingt ab, dazu war sie mir zu verwundert über den australischen Sport, das Fahren auf der anderen Straßenseite und auch die Möglichkeit, Schlangen und Spinnen zu sehen. Allerdings wird so vermutlich jede*r abgeholt, auch jene, die keine Kenntnisse über Australien haben.
    Eine süße Geschichte, die einem zumindest zeitweise den Aufenthalt in Australien inklusive jugendlicher Romanze ermöglicht, auch ganz ohne echtes Flugticket.
    
    Raphaela Brosseron
  • Rattensommer

    Rattensommer

    Juliane Pickel

    BELTZ & Gelberg

    Verlagsempfehlung ab 14 Jahre

    Buch des Montas Oktober 23

    Lou und Sonny sind schon immer beste Freundinnen und auch diesen Sommer wollen sie zusammen in ihrem Schwimmbad, ein stillgelegtes Freibad ohne Wasser, verbringen. Obwohl sie sich schon so lange kennen, empfindet Lou plötzlich ganz anders für ihre Freundin und sie entdeckt Dinge an ihr, die ihr bislang nicht auffielen.
    Doch aus dem faulen Sommer wird leider nicht, denn Hagen Bender, der vor fünf Jahren am Tod von Sonnys Mutter schuld war, kommt überraschend aus dem Gefängnis frei und er zieht in sein Haus am See ein. 
    Sonnys Wut ist seit dem Verlust ihrer Mutter auf diesen Mörder gerichtet und nun, da er wieder frei ist, kennt sie kein anderes Thema mehr.
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    Diese Wut überschattet völlig ihre Trauer, die sie nie zugelassen hat. Die beiden Mädchen scheinen sich in allem zu ergänzen, aber bei genauer Betrachtung versucht Lou immer nur ihrer Freundin beizustehen und sie zu unterstützen. Dabei verliert sie völlig ihr eigenes Leben und ihr Leid aus den Augen.
    
    Das Buch ist manchmal schwer zu ertragen, besonders die Wut und Gewalt, die Sonny entwickelt macht Angst. Trotzdem musste ich einfach weiterlesen, um zu erfahren, wie sich alles entwickelt. Da das Buch aus Lous Sicht geschrieben ist, können wir ihre Gefühle gut verstehen und möchten sie manchmal auffordern ihr eigenes Ding zu machen, statt immer Entschuldigungen für Sonnys schlimmes Verhalten zu finden. 
    Obwohl vieles am Ende des Buches offen bleibt, hat es einen Schluss, der hoffen lässt. 
    
    Dagmar Mägdefrau
    
    Ganz gleich, wie sehr wir uns nach ereignisreichen Sommern sehnen, mit Sonny und Lou würden wir vermutlich nicht tauschen wollen, denn ihr Sommer ist im wahrsten Sinne des Wortes überwältigend.
    
    Ihre lebenslange Freundschaft verbindet sie auf eine besondere Weise. Doch in diesem Sommer verändert sich ihre Beziehung und gleichzeitig wird Hagen Bender aus dem Gefängnis entlassen. Vor nicht einmal fünf Jahren verantwortete er  den Tod von Sonnys und seitdem ist Sonnys Leben nicht mehr dasselbe.
    
    Hagens Rückkehr in ihre Welt zieht Sonny in einen selbstzerstörerischen Strudel aus Rachegelüsten, Verzweiflung und unterdrückter Trauer. Lou hingegen ringt darum, die Balance zu finden. Einerseits möchte sie ihrer besten Freundin in dieser schweren Zeit beistehen, vor allem, da sich ihre Gefühle für Sonny vertiefen, andererseits zerrt ein unerklärliches Bauchgefühl an ihr.
    
    Zweifellos stellt dieser Sommer einen entscheidenden Wendepunkt dar, der das Leben der beiden Mädchen völlig auf den Kopf stellt.
    
    In diesem eindrucksvollen Roman prallen gravierende Schicksalsschläge und komplexe zwischenmenschliche Beziehungen aufeinander, und die Handlung ist so intensiv, dass eine Zusammenfassung ihr kaum gerecht werden kann. Dennoch bleibt die Geschichte erstaunlich realistisch, und insbesondere Lous Ich-Perspektive ist äußerst nachvollziehbar. Lou ist eine bemerkenswerte Jugendliche, die Fragen, die sie sich im Zusammenhang mit Schuld und den Grenzen einer Freundschaft stellt, würden selbst Erwachsene herausfordern.
    
    Juliane Pickels Fähigkeit, dramatische und innovative Handlungen für Jugendbücher zu entwickeln, die gleichzeitig Ruhe ausstrahlen und die Leser tief berühren, ist außergewöhnlich. Rattensommer ist genauso empfehlenswert wie ihr Buch “Krummer Hund”.
    
    Raphaela Brosseron
  • Missing in Paris – Wo ist Nina?

    Missing in Paris – Wo ist Nina?

    Cis Meijer

    one

    Verlagsempfehlung ab 14 Jahre

    Obwohl Lotte eine enge Beziehung zu ihrer älteren Schwester Nina hat, haben sie für Ninas Aufenthalt in Paris, wo Nina versucht, sich als Model zu etablieren, eine Vereinbarung getroffen: Nur eine Postkarte pro Woche von Nina, ohne ihre genaue Adresse und ohne weitere Telefonate. Umso aufmerksamer liest Lotte eben jene Postkarten und ist sich bei der letzten sicher, dass etwas nicht stimmt. Wieso sollte Nina die Mutter grüßen, die sie vor langer Zeit verlassen hat? Ihr Vater begleitet Lotte nach Paris, möchte aber von ihren "Hirngespinsten" nichts mitbekommen. 
    Lotte ist erstmal auf sich allein gestellt.
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    Allerdings übernachten sie bei einer alten Freundin des Vaters, deren gleichaltriger Sohn Jean-Paul sie in Paris herumführen soll. Wenn er nicht gerade Lottes Pläne, ihre Schwester zu finden, stört, lässt er ihr Herz sogar ein wenig höher schlagen.
    
    Der Thriller überzeugt vor allem durch sein Ende, weswegen sich die gesamte Lektüre lohnt. Die erste Hälfte lässt das gelungene Ende noch nicht unbedingt erahnen, denn dort fügt sich alles etwas zu einfach für Lotte zusammen. Sie landet genau zur richtigen Zeit an den richtigen Orten, lernt wichtige Kontakte ohne Probleme kennen und vertraut sogar einem übernatürlichen Hellseher. Da am Ende alles Sinn ergibt und bis dahin offen bleibt, ob und was passiert ist, verzeiht man die kleinen Schwächen. Gelungen sind auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es die komplizierten Familienverhältnisse bei Lotte und Nina, das Misstrauen gegenüber der französischen Gastgeberin oder die sich anbahnende Romanze zwischen Jean-Paul und Lotte, die genau das richtige Maß in der Geschichte einnimmt. 
    
    Der Thriller ist eher psychologisch betrachtet nervenaufreibend; er kommt ohne spezifische Gewaltdarstellung aus und schafft es dennoch, die Leser*innen mit jeder Seite tiefer in ein Netz aus düsteren Geheimnissen und unvorhersehbaren Wendungen zu ziehen, bis das atemlose Finale alles enthüllt.
    
    Raphaela Brosseron
  • Hani & Ishu – Fakedating leicht gemacht

    Hani & Ishu – Fakedating leicht gemacht

    Adiba Jaigirdar

    One

    Verlagsempfehlung ab 14 Jahre

    Humairi führt ein Doppelleben: Als Maira lebt sie angepasst an ihre weißen Freundinnen ein westliches Leben, während sie als Hani zuhause regelmäßig betet, den Koran liest und fest in der bengalischen Community verwurzelt ist. Das Leben wird noch komplizierter, als sie einfach behauptet, mit Ishita zusammen zu sein - einer ebenfalls bengalischen Mitschülerin. Auf den ersten Blick scheinen die beiden nichts gemeinsam zu haben, denn Humaira ist beliebt, während Ishita als strebsame Einzelkämpferin gilt. Da Humairas 'beste' Freundinnen ihre Bisexualität nicht wahrhaben wollen, entwickeln sie einen Plan für ein Fake-Dating, der auch Ishita Vorteile verspricht. 
    Obwohl Fake-Dating als Konzept normalerweise weit hergeholt klingt, wird es hier plausibel eingeführt, und der Perspektivwechsel mit jedem Kapitel ermöglicht es, uns sowohl in Hani als auch in Ishu reinzuversetzen.
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    Beiden begegnet Rassismus, und Ishita steht zusätzlich unter dem Leistungsruck ihrer Eltern. Zudem hat Humaira mit zwei "Freundinnen" zu kämpfen, die diese Bezeichnung gar nicht verdienen. Diese Charaktere nehmen definitiv zu viel Raum in der Handlung ein. Sie sind so offensichtlich toxisch und unempathisch, dass es beim Lesen schmerzt. Ihre Rolle als Antagonistinnen ist dermaßen überspitzt, dass man sich als Leser*in fragt, ob die Autorin dachte, man würde es sonst nicht verstehen - ohne damit die Rassismuserfahrungen zu meinen, die Humairi durch die beiden erfährt, diese will ich nicht in Frage stellen. Den Lesenden hätte im Verständnis für den zwischenmenschlichen Bereich jedoch mehr zugetraut werden können und die beiden hätten nicht so offensichtlich als “die Bösen” dargestellt werden müssen, denn dadurch verschwimmt leider der Fokus von Ishita und Hani häufig aufgrund der unangenehmen Begegnungen mit diesen "Freundinnen". So fühlt man sich nur frustriert über die beiden und die Dynamik ihrer Freundschaft. Die Familienmitglieder hingegen sind gelungene Figuren, und es wäre großartig gewesen, mehr über Ishitas große Schwester Nikita zu erfahren. Es war ebenfalls interessant, mehr über die bengalischen Communities in Irland zu lernen, insbesondere über ihre Diversität. 
    
    Wer also keine Probleme hat, die belastende Freundschaftssituation auszuhalten und Interesse an einem Plot mit Fake-Dating in einer queeren Lovestory hat, wird mit dem Roman auf jeden Fall fündig.
    
    Raphaela Brosseron
  • Frau Dr. Moormann & ich

    Frau Dr. Moormann & ich

    Elke Heidenreich

    Michael Sowas

    Hanser

    Keine Altersangabe

    Das Cover zeigt die Autorin vor ihrem Eigenheim im Garten, auf der anderen Seite des Zaunes sehen wir Frau Dr. Moormann, die einiges an dem ungepflegten Grundstück von Frau Heidenreich auszusetzen hat. Nur die seltene Schachbrettblume, die in einem späteren Kapitel auftaucht, bewundert die Nachbarin.
    Die beiden leben lange Haus an Haus und da sie so verschieden sind, gibt es immer wieder Reibereien. Die alte Dame hat aber auch eine witzige Art sich zum Beispiel vor dem Schneeräumen zu drücken.
    Am Anfang berichtet uns die Autorin von ihren Bären, vier davon haben sich im Laufe der Zeit in ihr Leben und ihr Haus geschmuggelt.
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    Wir hören ihre Geschichten und ich frage mich am Ende der Lektüre, was haben sie wohl mit Frau Dr. Moormann zu tun?
    Gustav der kleine Mops mit Nase, den Elke Heidenreich und ihr Lebensgefährte aus dem Tierheim holen, bellt Frau Dr. Moormann zwar an, aber trotzdem scheint die alte Dame ihn zu mögen.
    Wir erfahren einiges über Elke Heidenreich, aber auch einige Geheimisse von Frau Dr. Moormann kommen ans Licht. So nähern sich die beiden alten Frauen immer mehr an und es entsteht sowas wie eine Freundschaft.
    Nachbarliche Beziehungen sind ja oft nicht ganz einfach. Da sind sich zwei Individuen plötzlich sehr nahe und müssen Kompromisse schließen. Aber vielleicht müssen sie sich auch nur kennenlernen und dabei hilft ein Hund enorm.

    Das Buch richtet sich aufgrund dessen, dass die Lesenden immer direkt mit „Du“ angesprochen werden und vielen Erwachsenen Bekanntes erklärt wird, wohl an Kinder. Aber ich denke, gelesen wird es von Erwachsenen.


    Dagmar Mägdefrau
  • Das Summen unter der Haut

    Das Summen unter der Haut

    Stephan Lohse

    Insel

    Verlagsempfehlung ab 14 Jahre

    Julle ist 14 und so verliebt, wie man nur mit 14 sein kann, nämlich direkt und ganz heimlich. Heimlich allerdings auch, weil er schwul ist und in den 70ern 14 und verliebt ist. So freundet er sich mit Alex, dem Neuen in der Klasse, erst mal an und zählt die Stunden, die sie sich kennen. Verliebt wie er ist, folgt Julle Alex in den Wald zu einer verbrannten Hütte und die beiden versuchen zu rekonstruieren, was passiert ist. Ein Abenteuer, das verbindet und Julle lernt viel über Alex' Leben, über sich selbst und den Wert wahrer Freundschaften. 
    Die Geschichte entfaltet sich vor dem Hintergrund eines sommerlichen Settings und veranschaulicht, wie viel eine kurze Begegnung in einem Teenagerleben bedeuten kann. 
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    Die nostalgische Atmosphäre der 70er Jahre wird so gekonnt eingefangen, dass man sich fast in diese Zeit zurückversetzt fühlt, ohne sie selbst erlebt zu haben.
    Man spürt die Aufregung des Lebens ohne Smartphone und Internet, die damalige gesellschaftliche Rolle von Sexualität und die universellen Themen, die Jugendliche sowohl damals als auch heute beschäftigen. Der Roman schafft so eine wunderbare Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und appelliert an Gefühle, die wir alle irgendwo kennen: die sommerliche Leichtigkeit, das Gefühl des Verliebtseins und die Sorgen, die Jugendliche in einer Welt voller Erwachsener plagen. Dabei ist die Erzählung einfühlsam und gleichzeitig humorvoll geschrieben, was sie zu einem abgerundeten Sommerroman macht, den man an einem Nachmittag verschlingen kann.
    
    Raphaela Brosseron

    Julle ist 14 Jahre alt und erlebt in diesem Buch den Sommer 1977 zusammen mit Axel. Axel, der zusammen mit seinem depressiven Vater in einem Hochhaus wohnt und der nur in diesem Sommer in Julles Klasse geht. Julle verliebt sich in Axel, besonders seine kleinen Brustwarzen haben es ihm angetan. Zusammen mit vielen anderen Jugendlichen aus der Schule, die sie besuchen, gehen sie ins Freibad oder feiern zusammen Geburtstag.
    Doch bald teilen Julle und Axel ein Geheimnis, sie entdecken eine abgelegene Hütte, die halb verbrannt ist. 
    Julle geht für diese Zeit erstaunlich offen mit seiner Homosexualität um, er selbst bezeichnet sich als „schwul“, ich kann mich nicht erinnern, dass dieser Begriff damals schon so offen kommuniziert wurde, aber ich gehe davon aus, dass der Autor da recherchiert hat. Seine Umwelt regiert nie negativ, was ich ebenfalls erstaunlich finde. Andererseits spricht Julle immer nur von „dem Ding“ und ist über die Nutzung des Begriffes Penis erstaunt.
    
    Das Buch wird aus Julles Sicht erzählt und wir können deshalb seine Beweggründe sehr gut nachvollziehen. Seine Sprache ist nie ordinär, sie ist eher die eines Jungen, der langsam erwachsen wird und der die Liebe entdeckt und seinem Freund bedingungslos folgen möchte.
    
    Dagmar Mägdefrau
  • In Deeper Waters

    In Deeper Waters

    F. T. Lukens

    one

    Verlagsempfehlung 14 Jahre

    Endlich ist Tal an der Reihe: Wie seine drei Geschwister zuvor, bricht auch er mit dem Schiff zu seiner Coming-of-Age-Reise auf. Für ihn ist dieser Aufbruch besonders, da er aufgrund seiner Magie zuvor im Schloss abgeschirmt wurde. Seine Magie ist eng mit seinem Urgroßvater verbunden, der damit Angst und Schrecken verbreitet hat. Tal soll seine Magie weiterhin geheim halten. Als das Schiff den jungen Athlen aus einem Wrack birgt, entdeckt Tal eine ganz andere Art der Magie - die Magie der Anziehung. Doch bevor etwas geschehen kann, verschwindet Athlen bereits, und Tal begegnet ihm erst nach seiner eigenen Entführung wieder. Dabei stellt er fest, dass auch Athlen alles andere als gewöhnlich ist. Ihrer aufblühenden Romanze stehen weit mehr Hindernisse im Weg, als Tal ahnt.
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    Während er seine eigene Magie und die vielen Feinde seiner Familie als größte Hindernisse betrachtet, hat auch Athlen seine eigenen Probleme zu bewältigen.
    
    Der Rahmen der abenteuerlichen Schiffsreise verleiht der Geschichte einen Hauch von klassischem Abenteuer, ohne veraltet zu wirken. Die jungen Charaktere sind modern und unterhaltsam gestaltet, insbesondere Athlen erweist sich als interessante und mystische Schlüsselfigur. Die Kombination von Queerness und magischen Elementen bringt die abenteuerliche Seefahrt aus dem männlich geprägten Bild heraus, ohne den Flair zu zerstören. Es zeigt, dass es sich lohnt, alte Muster zu überdenken, und dass Veränderungen Traditionen nicht zerstören, sondern bereichern können und einem breiteren Publikum schmackhaft gemacht werden können. Die Liebesgeschichte entwickelt sich langsam und beginnt mit einer Freundschaft. Dabei werden keine kitschigen Klischees bedient. Tal und Athlen handeln stets vernünftig und vergessen die Gefahren um sie herum nicht. Ein möglicher Kritikpunkt ist die Undurchdringlichkeit der magischen Welt. Es werden viele Wesen, Verstrickungen und Regeln eingeführt, wodurch man leicht durcheinanderkommen kann. Erst spät begreift man, warum gerade Tals Magie ein Problem darstellt. Da man lange Zeit nicht weiß, wem man vertrauen kann, fiebert man bis zum Ende mit und wird vollständig von der Verschwörung eingenommen. Ein zweiter Teil, der genauso magisch, unterhaltsam und emotional ist, wäre großartig, denn man taucht gerne in diese Welt ein.
    
    Raphaela Brosseron
  • Koller

    Koller

    Annika Büsing

    Steidl

    Leseempfehlung junge Erwachsene

    Chris lernt Koller kennen und noch bevor er sich sicher ist, ob Koller sein richtiger Name ist, erleben die beiden innerhalb einer Woche mehr zusammen als andere in jahrelangen Beziehungen. Ursprünglich war der Plan, an die Ostsee zu fahren, Koller erwähnt beiläufig seine Verbindung zu dem Ort. Dass der Ausflug einen Einblick in seine Kindheit bietet und noch weitere private Details enthüllen wird, ahnen beide nicht. Schnell wird Chris klar, warum Koller so ist, wie er eben ist. Während Chris aufgrund seiner distanzierten Mutter eher rational handelt, macht Koller seinem Namen alle Ehre und zeigt offen seine Emotionen. Obwohl zwei verschiedene Welten aufeinandertreffen, passt es irgendwie, wenn auch vielleicht nicht für immer, zumindest für diesen ausgedehnten Roadtrip. 
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    Als Leser*in kann man sich genauso wenig der mitreißenden Art von Koller entziehen wie Chris. Obwohl man spürt, dass ein Leben mit ihm alles andere als stressfrei sein kann, bleibt man gefesselt. Was als unscheinbare Begegnung beginnt, entfaltet sich wie der Schmetterlingseffekt zu etwas Großem und wirft viele Fragen über das Leben auf. Besonders gelungen ist, dass diese Fragen nicht nur aus der Perspektive einer einzelnen Generation gestellt werden, sondern auch andere Altersgruppen einbezogen werden. Ungewöhnlicherweise wird der Fokus an einer Stelle auf die Geschichte von Kollers verstorbener Großmutter gelegt, obwohl sie in der erzählten Gegenwart nicht mehr lebt. Auch Chris eigene Vergangenheit kommt nicht zu kurz und wir erfahren, wie seine wissenschaftlich engagierte Mutter überhaupt zu einem Kind gekommen ist. Während wir als Leser viele Einblicke erhalten, scheinen Koller und Chris kaum ernsthafte Gespräche zu führen, die nicht ausarten. Das macht ihre Beziehung, sofern man sie als solche bezeichnen kann, nicht unbedingt plausibel. Dennoch ist die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren für den Roadtrip entscheidend und treibt einen zum Weiterlesen. Spannend ist auch die Einbeziehung der Hochwasserkatastrophe von 2021, die sich zu den vielen persönlichen Katastrophen im Leben der beiden dazu gesellt. Der direkte Stil passt wunderbar zu den beiden und man schließt diese Gegenpole doch sehr ins Herz.
    
    Raphaela Brosseron
  • Einfach mehr Luft

    Einfach mehr Luft

    Alexandra Holmes

    Jungbrunnen

    Leseempfehlung ab 13 Jahre

    Ben ist Teil einer großen Familie, genauso weitreichend wie sein Stammbaum ist die familiäre Vergangenheit. Um seine Führerschein zu machen, sammelt er auf den Wegen zu seiner Urgroßmutter einige Kilometer an Übungsstrecke. Sie ist seit dem Tod seines Urgroßvaters die Repräsentantin der Familie und dient als lebendige Verbindung zur Vergangenheit. In maßvollen Dosen offenbart sie Ben Geschichten, in denen jedes Familienmitglied auftauchen kann und die die Auswirkungen der nationalsozialistischen Vergangenheit deutlich werden lassen. 
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    Als Ben an einem Abendessen anlässlich ihres 100. Geburtstags mit dem gegenwärtigen Teil der Familie konfrontiert wird, erkennt er, dass die Spuren der Vergangenheit immer noch da sind und ihr Einfluss überall zu spüren ist.Inmitten dieser familiären und geschichtsträchtigen Anspannung macht er sich auch noch Sorgen um sein Pferd, sodass es ihm manchmal an Luft zum Atmen fehlt. Er sehnt sich nach etwas mehr Freiraum in dieser Situation und fängt an, seine eigene Position in der Konstellation der Generationen zu finden. 

    Der Jugendroman greift geschickt die Themen Familie, Generationen und weitergegebene Erinnerungen auf, während er den Bezug zur Gegenwart nicht vernachlässigt. Angesichts des Verlusts der Zeitzeugen des Nationalsozialismus ist es von großer Bedeutung, respektvoll und angemessen mit diesem Thema umzugehen. Es ist umso erfreulicher, dass dies in einem Jugendroman stattfindet. Die Urgroßmutter wählt bewusst ihre Worte sorgfältig aus und gibt den Erinnerungen Überschriften, ohne jemals aus der Ich-Perspektive zu erzählen. Ben, der sympathische Protagonist, besitzt ein feines Gespür für Vergangenheit und Gegenwart und zeigt, dass man nicht nur die Vergangenheit seiner Vorfahren ist, sondern viel mehr sein kann. Die Aufteilung der Kapitel nach den Gängen des Geburtstagsessens verstärkt die Spannung und erzeugt eine theaterähnliche Atmosphäre. Ein lesenswertes Buch, das sowohl die junge Generation als auch die ältere anspricht.

    Raphaela Brosseron
  • Unten

    Unten

    Maja Ilsch

    Dressler

    Verlagsempfehlung 10 Jahre

    Wer auf Netflix den zur Coronazeit populären Film “Der Schacht” geguckt hat, erinnert sich: Denen in den oberen Etagen geht es gut, je weiter unten man ist, desto tiefer ist man auch in der Nahrungskette. Wesentlich besser und tiefgründiger hat Maja Ilisch dieses dystopische Konzept umgesetzt. 
    In einem Moment spielt Nevo noch mit ihrer Freundin Juma fangen, im nächsten müssen sie sich aufteilen, denn solche Spiele sieht die Hausverwaltung gar nicht gerne. Da das Etagenhaus die einzige Welt ist, die die Bewohner kennen, hat die Hausverwaltung eine beträchtliche Macht, der die Kinder nicht ausgesetzt sein wollen. Juma versteckt sich im Wäscheschacht, aber als die Wachen weg sind, kann Nevo sie nicht mehr finden.
    mehr oder weniger lesen
    Juma versteckt sich im Wäscheschacht, doch als die Wachen weg sind, findet Nevo sie nicht mehr. Der einzige Weg zu Juma und zur Wahrheit führt nach unten, und Nevo beginnt, das System zu hinterfragen, über das sie zuvor nie nachgedacht hat. 
    
    Dieses Buch öffnet eine Welt, die in sich sehr geschlossen ist und eine Gesellschaftskritik verbindet. 
    Nevo ist ein mutiges 11-jähriges Mädchen und nach der Beschreibung des Hochhauses zu urteilen, hätten sich nur die wenigsten nach unten getraut. 
    
    An sich ging das Konzept immer auf und war gut durchdacht. Nur am Anfang blieb unklar, warum ein so kontrollierendes System überhaupt so etwas wie einen gemeinsamen Wäscheschacht zulässt, der mal eben nach unten führt. Zudem wird eine etwas banale Frage nicht geklärt: Wie wird die Wäsche der vielen Bewohner richtig zugeordnet? Da das Buch einen zum Hinterfragen anregt, bleiben diese Fragen bei der Genauigkeit der Geschichte nicht aus, diese wird dadurch jedoch nicht beeinträchtigt. Am Ende hätte mir noch etwas mehr Aufklärung des Systems gefallen, so bleibt jedoch zumindest die Fantasie angeregt. Eine kreative und spannende Geschichte.
    
    Raphaela Brosseron
  • Be my first

    Be my first

    Jay McLean

    Ravensburger

    Verlagsempfehlung ab 16 Jahre

    Connor muss für seine Basketballkarriere in seinem letzten Jahr die High School wechseln. Anfangs ist er wenig begeistert von der plötzlichen Umstellung. Doch als er in seiner ersten Unterrichtsstunde neben Ava sitzt, ändert sich alles. Obwohl sie von den anderen kaum beachtet wird und sich von der Welt abzuschotten scheint, übt Ava eine unerklärliche Anziehungskraft auf Connor aus. Ava ist nicht ohne Grund so isoliert. Ein stadtbekannter Vorfall mit ihrer Mutter hat sie dazu gebracht, den Kontakt zu anderen Menschen zu vermeiden. Doch auch sie spürt eine unerklärliche Verbindung zu Connor. Langsam beginnen die beiden sich einander anzunähern. 
    mehr oder weniger lesen
    Das Buch verspricht auf dem Rücken „Intensiv. Bittersüß. Sexy.” zu sein.
    Der Anfang war aufgrund des angenehmen Schreibstils noch vielversprechend. Allerdings erwies sich die Geschichte als alles andere als romantisch. Die Triggerwarnung am Anfang wies auf Gewaltdarstellungen hin, was darauf schließen lässt, dass das Buch auf seine Sensibilität geprüft wurde. Leider wurden dabei zahlreiche kritische Punkte übersehen. Es wäre vertretbar gewesen, wenn diese Punkte einen ästhetischen Nutzen gehabt hätten oder eine gewisse Mehrdeutigkeit oder einen anderen Sinn und Zweck erfüllt hätten. Doch stattdessen wurden Dinge wie Bodyshaming, Sexting mit Bildern und schädliches Verhalten innerhalb der Beziehung von Conor und Ava unkommentiert dargestellt und sogar romantisiert. Wenn Connor der Auffassung ist, dass Ava ihren kurzen Schulrock (in der Schule) trägt, um ihn zu provozieren, frage ich mich, um welchen Preis der Roman “intensiv” sein soll. 
    
    Das Trauma der Mutter und die damit verbundene Belastung hätten der Geschichte eine Tiefe verleihen können, die ich nicht einmal von einem Romance-Roman erwartet hätte. Dadurch hätte Conor die Möglichkeit gehabt, subtil sein wahres Ich zu zeigen. Ich glaube jedoch nicht, dass die Autorin ihn tatsächlich als besitzergreifenden und egoistischen Partner darstellen wollte. Vielmehr scheint sie gedacht zu haben, dass dies der Zielgruppe junger Mädchen gefallen würde. Der gewählte Perspektivwechsel hätte ebenfalls viel Potenzial gehabt, aber leider wurde er falsch genutzt. Als Ava sich trotz ihrer sozialen Ängste dazu entscheidet, sich aufgrund ihrer “Liebe” zu Conor einer High-School-Veranstaltung anzuschließen, wird dies von Conor auf eine unempathische Weise erzählt. Trotz seiner innigen Liebesschwüre zeigt er gegen Ende wenig Verständnis, wenn Ava andere Sorgen hat, die nichts mit seiner Basketballkarriere zu tun haben. 
    Auch Avas Verhalten ist an vielen Stellen sehr fragwürdig und es entwickelt sich das, was man heute als toxische On-Off-Beziehung bezeichnen würde. 
    
    Mehr belastend als bittersüß kann ich dieses Buch eigentlich niemandem empfehlen, da ich es sehr bedenklich finde, was hier als romantische und erotische Unterhaltung verkauft wird.
    
    Raphaela Brosseron
  • When you get the Chance – Ein Herz voller Träume

    When you get the Chance – Ein Herz voller Träume

    Emma Lord

    one

    Verlagsempfehlung junge Erwachsene

    „Millie, du bist kein Mensch. Du bist eine Achterbahn.”
    Millie arbeitet, seit sie klein ist, an ihrem Traum: Broadway-Star. Für Rückschläge, die gerne auch mal im Internet landen, hat sie ihre eigenen Strategien entwickelt und so erfindet sie sich alle sechs Monate neu, auf jede Rolle stets vorbereitet. In der Theater-AG ihrer Schule scheint ihr nur Oliver im Weg zu stehen. Er ist nicht immer einverstanden mit ihrer aufbrausenden und einnehmenden Art. Trotzdem spürt man, dass sie sich vielleicht gut ergänzen könnten. Millies Vater spricht sich gegen das Pre-College aus, für das sie heimlich vorgesungen hat, was zu einer ihrer berüchtigten "Millie-Launen" führt. 
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    Aus Frust beschließt sie, ihr eigenes Mamma Mia Musical durchzuspielen, zumindest was die Suche nach der Mutter angeht. Vielleicht kann die Mutter, die sie nicht kennt, sie bei ihren Träumen unterstützen?
    
    Millie ist ein Teenager voller Energie und Ehrgeiz, der von Visionen und Ambitionen angetrieben wird, um die man sie beneiden könnte. Oliver ist ebenfalls ehrgeizig, aber ruhig und stellt eher einen Gegenpol zu Millie dar. Trotz ihrer Streitereien spürt man, dass sie sich möglicherweise gut ergänzen könnten. Die anderen Charaktere in der Geschichte, wie ihre Tante Heather, ihr bester Freund Teddy mit seiner Geocaching-Leidenschaft und ihr nerdiger Vater, sind ebenfalls gut ausgearbeitet und fügen sich perfekt in die Geschichte ein. Man begreift bei dem Umfeld sofort, warum Millie bis jetzt nicht nach ihrer Mutter gefragt hat und auch Millie lernt bei ihrer Suche, dass sie mit den Menschen in ihrem Leben bereits wahnsinniges Glück hat - das sich eventuell sogar vermehrt. Sehr gelungen ist auch die Liebesgeschichte, die sich nie in den Vordergrund drängelt oder Millie sogar von ihren Träumen abhält. Sie entwickelt sich langsam und beruht auf einem tatsächlichen Kennenlernen, nicht auf einem plötzlichen Liebesanfall. Millie ist die ideale Besetzung der Hauptprotagonistin und Ich-Erzählerin, sie ist inspirierend, stark, reflektiert, talentiert und manchmal auch einfach nur Millie, eine junge Frau, die noch nicht weiß, was wird. Ich wünschte, ich könnte sie tatsächlich mal am Broadway sehen, aber ich gebe mich auch mit ihrer Rolle im Roman mehr als zufrieden!
    
    Raphaela Brosseron
  • Nordstadt

    Nordstadt

    Annika Büsing

    Steidl

    Leseempfehlung 14 Jahre

    Nominierung Jugendliteraturpreis 2023 Neue Talente

    Wie wir es vom Ruhrgebiet her kennen, ist die Nordstadt immer der sozial schwächere Teil der Stadt. Nene, die die Geschichte aus ihrer Sicht in der Ich-Form erzählt, ist hier aufgewachsen und hier wohnt sie auch noch immer. Nach dem Schulabschluss hat sie eine Ausbildung zur Bademeisterin gemacht und ist nun mit Anfang zwanzig für das Schwimmbad zuständig, in welchem sie Schwimmen gelernt hat. Hier wurde sie trainiert und hier hat sie ihren traurigen Alltag vergessen. Vergessen heißt auch ihre Strategie, die kämpft nicht, weder gegen ihren Vater noch gegen ihren Vergewaltiger.
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    Sie lebt ihren Alltag und versucht alles zu vergessen, was nicht bedeutet, dass sie es auch verzeiht. Da betritt Boris das Schwimmbad und damit auch ihr Leben. Boris, der seine Beine wegen der Kinderlähmung nicht richtig nutzen kann. Boris, der keinen Job hat und dem die Schmerzen schlechte Laune machen.
    Die beiden gehen ins Kino und ins Bett, beides schildert die Autorin genau, denn auch diese Aktivitäten verlaufen nicht wie man es erwartet.
    
    Das Buch hat eine ehrliche Sprache, die auch vor groben Worten und Sex nicht zurückschreckt. Trotzdem spürt man die empfindsame Nene, die geliebt werden möchte. „So nennen wir das manchmal, Option“ ist ein häufiger Satz, aber eigentlich haben die beiden nicht viel davon. 
    Aber wir wünschen ihnen, dass sie trotz der schlechten Vorgeschichten ein wenig Glück finden werden. 
    
    Dagmar Mägdefrau
  • Anatomy – Eine Liebesgeschichte

    Anatomy – Eine Liebesgeschichte

    Dana Schwartz

    Loewe

    Verlagsempfehlung ab 14 Jahre

    Was auf dem Cover zunächst aussieht wie ein anatomisches Herz, ist eigentlich eine junge Frau in einem aufwendigen, dunkelroten Gewand, von oben betrachtet. 
    Hazel lebt Anfang des 19. Jahrhundert in Edinburgh und sollte eigentlich Interesse an Kleidern und ihrem Verlobten hegen, doch ihr Herz schlägt für die Wissenschaft, vor allem für die Chirurgie. Ganz unschicklich für eine Dame ihres Standes seziert sie Frösche, bis sie die winzige Chance erhält tatsächlich zu studieren. 
    Frösche helfen da leider wenig, doch der “Auferstehungsmann” Jack ist zufällig darauf spezialisiert, Leichen für Studierende zu besorgen.
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    Das angestrebte Studium entspricht wenig den Vorstellungen, denen Hazel in dieser Gesellschaft unterliegt, und die Gefühle, die sie langsam zu Jack aufbaut, mindestens genauso wenig. Ganz nebenbei passieren in Edinburgh merkwürdige Dinge: Menschen verschwinden und die römische Pest scheint sich wieder auszubreiten. 
    Wie das Cover vermuten lässt, ist dies die Geschichte einer jungen Frau. Die mutige Hazel lässt sich von ihrem Traum, Chirurgin zu werden, nicht abbringen. Der personale Erzähler bleibt bei der Geschichte meistens bei Hazel, manchmal begleitet er auch Jack. Die beiden erzählen nicht selbst, sodass wir eine leicht beobachtende Haltung einnehmen, was ganz gut zum Inhalt passt. Hazel kann die Männer, die ihren Traum leben und einfach in die Uni gehen und studieren, meistens auch nur von weitem beobachten und auch Jack hält eigentlich Abstand zur höheren Schicht der Gesellschaft und behält von oben aus dem Theater, wo er arbeitet, den Überblick. 
    
    Die Liebesgeschichte, die im Untertitel angekündigt wird, ist vollkommen gelungen. Sie entwickelt sich langsam und realistisch, ohne Hazel von ihrem Tun abzuhalten.
    Äußerst interessant sind die Passagen vor den Kapiteln, die ein Lehrwerk der früheren Chirurgie nachahmen.
    
    Ein wunderbarer Jugendroman mit einer eindrucksvollen, klugen und mutigen jungen Frau, der neugierig macht, die Spannung hält und nicht nur das anatomisch korrekte Herz höherschlagen lässt.
    
    Raphaela Brosseron
  • Kein Horizont zu weit

    Kein Horizont zu weit

    Alexandra Flint

    Loewe Intense

    Verlagsempfehlung ab 16 Jahre

    Leni ist 22, wohnt auf Sylt und macht in der Werft ihres Vaters eine Ausbildung zur Schiffbauerin. Sie liebt das Leben auf der Insel, die herzliche Großmutter leitet dort ein Café, zwei ihrer drei besten Freundinnen sind nah bei ihr und sie kann sich jederzeit ihrer großen Leidenschaft, dem Segeln, widmen. Die Insel hat, unabhängig von Stürmen und Unwettern, jedoch eine düstere Zeit hinter sich, denn vor 5 Jahren brannte ein großes Familienhotel nieder. Dabei verlor Rafe, in den Leni gerade so richtig verliebt war, seinen Vater und seinen Bruder. Er verschwand von der Insel und mit ihm ein Stück von Lenis Herz, doch 5 Jahre später steht er vor ihr und leitet das neue Bauprojekt, an dem sie und ihr Vater auch beteiligt sind.
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    Von der einstigen Liebe ist erstmal nicht viel übrig - denkt sie zumindest.
    Uns wird hauptsächlich aus Lenis gegenwärtiger Perspektive erzählt, vor allem von dem Gefühl, was die anfängliche Abneigung Raffaels in ihr auslöst. Durch kleinere Rückblicke aus seiner Perspektive erfahren wir, was sein schweres Schicksal mit ihm gemacht hat. Langsam, unaufgeregt und ohne zusätzliches, künstliches Drama nähern die beiden sich wieder an. Dabei steht nicht nur die Beziehung der beiden im Vordergrund. Leni hat eine tolle Familie, die sie immer wieder auffängt, mindestens genauso tolle Freundinnen und hat zusätzlich ihre eigenen Interessen. Da sie gerade in der Prüfungsphase ist, lernen wir einiges über ihre Ausbildung zur Schiffbauerin, was super interessant ist und zeigt, dass man sich auch von den ganz großen Gefühlen nicht zu sehr ablenken lassen darf. 
    
    Die Liebesgeschichte kommt trotzdem gut zur Geltung, vor allem in der wunderschön beschriebenen Atmosphäre Sylts, die in einem Fernweh weckt. 
    Es wird sehr viel auf den Verlust Raffaels eingegangen und sein Verhalten ist nicht immer gut, aber irgendwo verständlich, manchmal fehlte mir dieses Verständnis bei Leni und ich hatte den Eindruck, sie stellt ihr gebrochenes Herz auf eine Stufe mit seinem Schicksal. 
    
    Nichtsdestotrotz ist sie eine sympathische Figur. Ich freue mich auf die Folgebände und bin gespannt, welche ihrer Freundinnen da erzählen darf - hoffentlich wieder auf Sylt!
    
    Raphaela Brosseron
  • Die zweite Entdeckung der Welt – Alexander von Humboldts Expedition nach Südamerika

    Die zweite Entdeckung der Welt – Alexander von Humboldts Expedition nach Südamerika

    Bettina Schary

    Knesebeck

    Die Graphic Novel über die Reise Alexander von Humboldts nach Südamerika ist mit einem schwarzen Stift gezeichnet und nur hin und wieder coloriert. Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass die Autorin die Protagonisten mit moderner Technik ausgerüstet hat. So erfährt er vom Tod seiner Mutter durch sein Smartphone, erklärt Humboldt einem Preußischen Beamten seinen Plan im Aufzug per Power Point und nutz eine moderne Spiegelreflexkamera. Auf der anderen Seite wird ein Kerzen angezündet und die Seereise erfolgt mit Segelschiffen.
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    Erst nach dem Tod seiner Mutter, die ihm eine solche Reise untersagt hat und weil er ein Erbe von ihr bekommen hat, kann Alexander nach Südamerika reisen. Zusammen mit seinem Freund Aimé Bonpland geht es über Teneriffa Richtung Südamerika. Hier entdeckt er viele unbekannte Tiere und erforscht den Zusammenfluss von Orinoko und Amazonas. Von schickt er (Twitter)-Nachrichten in alle Welt, benennt die entdeckten Tiere und Landschaften mit (seinem) Namen. 
    
    Ich finde es sehr spaßig, um 1800 unsere Technik einzusetzen, so sitzt der Forscher nachdem er zurückgekehrt ist bei Markus Lanz in der Talkshow. So wäre es ihm sicher heute ergangen. Diese Mischung aus Information und Fiktion finde ich gut gelungen und sie macht das Buch sicher für junge Menschen, die nicht so gerne lesen interessant.
    
    Dagmar Mägdefrau